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Mandy Bechmann,
Prüferin im Büro für Leichte Sprache 
Heilpädagogische Hilfe Querfurt e. V.
Querfurt
„Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet" – Oscar Wilde –
Hochkonzentriert sitzt die junge Frau aus Querfurt an einem Schreibtisch bei „KlarTexT“, dem Büro für „Leichte Sprache“. Vor ihr liegt ein Text, eine Behördenanweisung. In der Hand hält die 26-Jährige eine elektronische Lupe, die sie über die Buchstaben gleiten lässt.  Nur mit diesem Hilfsmittel kann Mandy Bechmann lesen und prüfen, ob sie diesen – in „Leichte   Sprache“ überführten Text – versteht oder etwas unklar ist. Kaum zu glauben, aber tatsächlich sind in Deutschland über sieben Millionen Menschen sogenannte „funktionale Analphabeten". Das bedeutet, dass ihre Schreib- und Lesekompetenz   eingeschränkt ist. Seit einem Jahr gehört Mandy Bechmann zum Team von „KlarTexT“, dem Büro für Leichte Sprache bei der Heilpädagogischen Hilfe Querfurt e.V. (HPH). Eigentlich nichts Besonderes. Eigentlich. Aber Mandy Bechmann ist seit ihrer Geburt stark sehbehindert. Ihr linkes Auge ist zu 95 Prozent, das rechte zu 90 Prozent eingeschränkt: „Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich im Mutterleib eine Hirnblutung hatte.“ Seitdem leidet sie unter Hydrocephalus.*

Trotz mehrerer Operationen und ihrer Sehbehinderung entwickelte sich das Mädchen prächtig. Sie war fröhlich, tobte gern herum und spielte mit ihren Puppen – so wie Millionen andere kleine Mädchen auch. Von ihrem siebten Lebensjahr an ging Mandy im Landesbildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte „Hermann von Helmholtz" zur Schule und verließ diese mit dem Hauptschulabschluss. „Danach besuchte ich für zwei Jahre das Sehzentrum in Chemnitz und wurde hier auf eine spätere Ausbildung vorbereitet.“ Anschließend absolvierte Mandy eine Ausbildung als Fachkraft für Dialog-Marketing. Doch eine Anstellung sollte die junge Frau nie bekommen. „Während der Jahre habe ich viele Bewerbungen geschrieben. Oft bekam ich noch nicht einmal eine Antwort. Oder aber, eine feste Zusage wurde kurz vor Arbeitsbeginn zurückgenommen." 

So ist es kein Wunder, dass Mandy Bechmann mit ihrem Schicksal haderte und ziemlich unglücklich durchs Leben ging. Das änderte sich erst, nachdem sie mit verschiedenen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Kontakt kam: „Trotz meiner körperlichen Defizite und meiner starken Sehbehinderung, wurde ich ernst genommen und mit Respekt behandelt.“ Intuitiv spürte sie, dass sie bei der HPH in Querfurt ihren Platz finden würde: „Vorher hatte ich verschiedene Träger und ihre Werkstätten besichtigt, aber in Querfurt fühlte ich mich vom ersten Moment an gut aufgehoben.“ 

Also begann Mandy Bechmann am 1. April 2022 mit zwei Jahren Ausbildung im Berufsbildungsbereich. Außerdem verlegte sie ihren Wohnsitz aus der elterlichen Wohnung ins „Intensiv betreute Wohnen“-Projekt der HPH in Querfurt. Hier lebt sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung wie jeder andere Mensch auch: Mandy hört gern Schlagermusik von Ben Zucker, schaut „Immer wieder sonntags“ oder den „ZDF-Fernsehgarten“. Außerdem liest sie gerne. „Am liebsten Geschichten über Katzen, ich hatte früher selbst einen Kater. Der hieß „Flitzer.“ Die Wochenenden verbringt Mandy meistens bei ihrer Familie. Mit ihnen geht sie spazieren, besucht Verwandte. Auch Restaurants oder Café-Besuche zählen zum Freizeitprogramm. Ab Montag wird dann wieder gearbeitet. Die ersten Monate durchlief sie die Holzwerkstatt, schnupperte in die Abteilung Montage und Verpackung sowie die eigene Druckerei der HPH. 

Im Rahmen ihrer zweijährigen Ausbildung im Berufsbildungsbereich (BBB) gehört Mandy seit November zum Team von „KlarTexT. Dafür besucht sie Lese-, Schreib- und Rechenkurse, die von der Einrichtung angeboten werden. „Ich möchte weiterkommen und meine Arbeit sehr gut machen. Dafür lerne ich viel und bilde mich weiter.“ Das wird Mandy garantiert auch nützen, wenn sie nach ihrer BBB-Zeit am Empfang der HPH arbeiten wird. 

Tatsächlich: Mandy Bechmann ist angekommen und hat ihre Chance auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben nicht nur ergriffen, sondern auch genutzt. Sie steht nicht abseits, sondern gehört dazu – am Arbeitsplatz bei KlarTexT, in der Einrichtung und in der Gesellschaft!
* Bei Hydrocephalus kommt es zu einem Missverhältnis zwischen der Liquorproduktion und der Rückführung dieser Körperflüssigkeit (Hydrocephalus). Dadurch erhöht sich der Druck im Babykopf und schränkt verschiedene Funktionen ein. Da die Liquorflüssigkeit nicht abgeführt werden kann, vergrößert sich auch der Kopf. Das war früher nicht zu heilen, doch mittlerweile ist dies möglich. In den meisten Fällen wird den kleinen Patienten ein Shunt ins Gehirn eingesetzt. Dafür wird ein kleines Loch in den Schädel gebohrt. Durch die Öffnung wird ein Katheter mit einem dünnen Silikonschlauch vom Gehirn unter der Haut bis in den Bauchraum geführt. So kann die überschüssige Flüssigkeit abfließen und vom Körper abgebaut werden. Zusätzlich passt sich ein Ventil hinter dem Ohr dem Druck im Ventrikel an und gleicht ihn durch die Ableitung der Flüssigkeit aus. Allerdings kann sich der Shunt entzünden oder andere Nebenwirkungen erzeugen, sodass möglicherweise öfter operiert werden muss.