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Paul Appel
Arbeitsfan
Diakoniegesellschaft Arbeiten und Wohnen mbH
Dessau - Kochstedt
„Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen." – Pearl S. Buck –
Hochkonzentriert sitzt Paul Appel an seinem Arbeitsplatz in einer Werkstatt der Diakoniegesellschaft Wohnen und Arbeiten mbH (DGWA) am Standort Dessau-Waldersee und zieht Speichen in das Rad für ein Kinderfahrrad ein. „Das macht er sehr gut“, sagt Sebastian Bischoff vom Sozialdienst der DGWA. Auch beim Zählen von Angelködern macht er keine Fehler. Ebenso beim Sortieren oder Einpacken. Seit dem Ende seiner Schulzeit arbeitet der 21-Jährige in der Werkstatt der DGWA und fühlt sich pudelwohl. Pudelwohl? Das ist eher untertrieben, denn der junge Mann lebt nicht nur seinen Job, sondern er lebt Werkstatt: Morgens ist er der Erste, der am Platz sitzt. Nachmittags steigt er als Letzter in den Bus vom Fahrdienst ein, der ihn zu seinen Eltern im Stadtteil Kochstedt fährt: „Ich wäre gern Kranführer geworden oder im Lkw durch die Nacht gefahren“, sprudelt es aus ihm heraus, „weil ich das bestimmt könnte. Ich wüsste schon, wie man so ein Teil steuert, es steht ja alles in der Bedienungsanleitung. Doch meine Arbeit in der Werkstatt ist auch klasse.“ Paul Appel ist ein junger Mann mit Behinderung, hat geistige Einschränkungen. Das hindert ihn aber nicht daran, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und viel für sich zu tun. Langeweile kennt er nicht – im Gegenteil, Paul hat immer etwas zu tun. Hier einige Beispiele: Seit 2015 geht er einmal in der Woche zum Keyboardunterricht: „Ich habe gerade ein neues Instrument bekommen.“ Am liebsten spielt Paul nicht nach Gehör, sondern nach Noten. Die hat er gelernt. Mittlerweile spielt er Country- und Popmusik und wie er sagt „auch ein bisschen Rock.“ Hip-Hop oder Rap hört er zwar sehr gerne, „aber so weit bin ich noch nicht.“ Dann geht Paul regelmäßig schwimmen – in die Stadtschwimmhalle. Ein Angebot der DGWA, das während der Arbeitszeit ermöglicht wird. Nach der Arbeit sitzt Paul im Deutschkurs, büffelt Grammatik und Rechtschreibung. Das fällt ihm nicht leicht ebenso wie das Rechnen. Aber er gibt nicht auf.

Zu Hause sitzt Paul des Öfteren vor seiner Playstation und fährt Autorennen. Oder er übt im Wohnzimmer auf seinem Keyboard. So oft es geht, joggt Paul durch seinen Stadtteil oder besucht am Wochenende Veranstaltungen in Dessau-Roßlau. 

An den Wochenenden besuchen Paul und seine Eltern oft Verwandte, die in der Nähe wohnen. „Ab und zu fahren wir auch nach Leipzig zu meinem Bruder. Er arbeitet dort und hat eine Freundin und einen Hund.“ Sehr gern hört Paul auch Radio: Deutschlandfunk Kultur oder MDR-Kultur. Manchmal auch den Deutschlandfunk: „Der sendet meistens nur Nachrichten. Das wird dann langweilig.“ Doch am allerliebsten arbeitet Paul: „Die Werkstatt, die ist für mich wie eine Familie. Jeden Tag siehst Du die Leute wieder, arbeitest mit ihnen zusammen. Das ist ja auch wichtig, denn die Produkte müssen ja verkauft werden.“ 

Sebastian Bischoff (B.A.) sagt: „Paul fühlt sich bei uns sehr gut aufgehoben. Das merken wir unter anderem daran, dass er seine Arbeiten – egal welche – hochmotiviert und konzentriert ausführt. Auch ist Paul immer zu jedermann außergewöhnlich freundlich und höflich, lächelt jeden an – seien es Kolleg*innen, Kund*innen oder die Mitarbeiter*innen der DGWA. Wenn es möglich wäre, würde Paul auch am Wochenende in die Werkstatt zum Arbeiten kommen. „Es gibt ja Betriebe, die haben am Wochenende geöffnet …“ 35 Tage Urlaub bekommt Paul, woraus er sich nicht viel macht. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass er nicht alle nehmen würde. 

Da die Werkstatt im Sommer für drei Wochen schließt, hat auch Paul Ferien. „Und zwischen Weihnachten und Neujahr, da arbeite ich auch nur selten.“ Wie für viele andere Menschen mit Behinderung sind für Paul feste Strukturen und ein gewohntes Umfeld sehr, sehr wichtig.

Das wurde vor allem zu Beginn der Coronapandemie deutlich: Damals besuchte Paul noch eine Schule, doch als diese geschlossen wurde und er zu Hause bleiben musste, war er „ziemlich schockiert.“ Sein einziger Trost war, dass er vielleicht trotzdem Hausaufgaben aufbekommen würde.

Über eine Stunde haben wir uns mit Paul unterhalten. Es war ein abwechslungsreiches und unbeschwertes Gespräch: Paul hörte genau zu und antwortete höchst konzentriert. Was er dachte und sagte, hatte Hand und Fuß – auch wenn er manchmal vom Thema abkam. Das war aber kein Problem, es zeigte lediglich, dass Paul Appel – wie viele andere junge Leute auch – dabei ist, sein Leben in die Bahn zu lenken, in der er sich wohlfühlt. Das ist nicht nur ein Erfolg der Eltern, sondern auch der Werkstatt der DGWA, in der Paul seine Heimat und seine Zukunft sieht. Auch wenn er sagt: „Man weiß ja nie, wo man eines Tages landet…“